Links überspringen

Ein Blick in die Glaskugel: Was die Mandatsverteilung der 96 Deutschen Sitze im EU-Parlament zu einer Wissenschaft für sich macht

Die Europawahl 2024 liegt nicht mehr in allzu weiter Ferne und die Spannung in Berlin und Brüssel ist deutlich spürbar. Kommunikationschef der EU-Kommission Jaume Duch betonte kürzlich die Bedeutung der bevorstehenden Wahlen bei denen “viel auf dem Spiel stehe”. Aber wird sich die Bedeutung der Europawahl auch in der Wahlbeteiligung in Deutschland abzeichnen? Wohlgemerkt sind dieses Mal bereits junge Erwachsene ab 16 Jahren wahlberechtigt. Welche Partei wird stärkste Kraft? Und welche Kandidat:innen ziehen schlussendlich ins EU-Parlament ein? Fragen über Fragen, die uns und Euch auf der Seele brennen.

Die Mandatsverteilung der 96 deutschen Sitze im EU-Parlament ist durchaus komplex – kein Wunder also, dass sich Sitzverteilungsprognosen nicht gerade wie Sand am Meer häufen. Zu viele Faktoren können das Ergebnis beeinflussen, wenn nicht sogar komplett verfälschen. Warum also wollen wir, als ERSTE LESUNG die folgende Übung dennoch durchführen? Ganz einfach – weil wir zum einen die Komplexität der Rechnung aufzeigen wollen und zum anderen ein Verfechter klarer Worte sind und unbedingt wissen wollen, wie ein mögliches Ergebnis aussehen könnte – die Erwartung, dass wir richtig liegen, haben wir hierbei nicht, und solltet ihr auch nicht.

Nun gut – jetzt „Butter bei die Fische“. Wir haben uns also tief in die Welt der Zahlen gewagt, unsere Mathebücher ausgepackt und sogar die verstaubte Kristallkugel hervorgekramt, um Euch einen Vorgeschmack auf das mögliche Ergebnis der EU-Wahl zu geben. Ein „final warning“: Unsere Prognose ist zwar ausgetüftelt, eine Wette um ein größeres Vermögen solltet ihr nicht abschließen – dafür sind die Unsicherheitsfaktoren wie gesagt zu vielfältig. 

Mich interessieren die Disclaimer zur Berechnung nicht, führe mich direkt zu den „Lucky96“!

Die Methode:

Die einzig sichere Zahl ist die 96 – so viele Sitze stehen Deutschland im Europäischen Parlament zu. Wie diese zwischen den Kandidat:innen der Parteien verteilt werden ist eine Wissenschaft für sich. Um die Sitzverteilung zukünftiger deutscher MEPs (= Mitglieder des Europäischen Parlaments) zu berechnen, wird in Deutschland das Sainte-Laguë/Schepers-Verfahren angewandt. Etwas vereinfacht sieht das so aus: Aus der Anzahl der abgegebenen Wählerstimmen wird vorläufig berechnet, für wie viele Stimmen ein Mandat zu vergeben ist (=Divisor). Erreicht eine Partei die Anzahl im Divisor, bekommt es ein Mandat. Da aber Deutschland genau 96 Sitze hat, muss am Ende die Mathe stimmen. Wenn also nach Anwendung des Divisors mehr oder weniger als 96 Stimmen vergeben sind – und das kann gut passieren, da natürlich auch gerundet wird – muss man den Divisor so lange anpassen, bis am Ende die 96 Plätze richtig und gerecht verteilt sind.

Die Übung wird dadurch erschwert, dass die CDU/CSU sich traditionell für Landeslisten entscheidet, während andere Parteien eine Bundesliste stellen. Man kann sich ausmalen, dass die Divisor-bedingte Mandatsberechnung auf die 16 Bundesländer weitere Komplikationen verursacht.

Unsicherheitsfaktor No1 – die Wahlbeteiligung

In jedem Falle müssen wir damit leben, dass wir keine Hellseher sind (!) und nicht absehen können, wie motiviert die Deutschen im Juni zur Wahlurne gehen. Zwar wurden 2019 genau 37.396.889 gültige Stimmen abgegeben, 2024 könnte es jedoch ganz anders kommen. Zum einen darf man zum ersten Mal schon ab 16 Jahren wählen, was bedeutet es sind 3.3 Millionen mehr Wahlberechtigte, als im Jahr 2019. Hinzu kommt, dass die Wahlbeteiligung 2019 im Vergleich zu den früheren Wahlen steil in die Höhe ging. Ob es dabei bleibt?

Wir haben uns zunächst dazu entschieden, die Wahlbeteiligung von 2019 als Grundlage für unsere Berechnung zu nehmen. Davon ausgehend, ist es naheliegend, dass wir uns auch an dem in 2019 ermittelten Divisor bedienen. Zur Verteilung der 96 Sitze auf die Parteien wurde in 2019 durch das oben beschriebene Näherungsverfahren der Divisor 374.000 als geeignet befunden. Die auf die einzelnen Wahlvorschläge entfallenen Stimmen werden somit im Weiteren durch 374.000 geteilt und ergeben, kaufmännisch gerundet, die in der Tabelle dargestellte Sitzverteilung (Siehe Textliche Auswertung der Europawahl 2019 durch den Bundeswahlleiter, S. 42).

Alternativ hätte man die Wahlbeteiligungsrate von 2019 auf die Zahl, der in diesem Jahr Wahlberechtigten übertragen können und darauf aufbauend einen neuen Divisor errechnen können. Ihr seht, unsere Verfahrenswahl ist eine willkürliche Entscheidung.

Unsicherheitsfaktor No2 – Das Wahlergebnis

Mittels der gültigen Stimmen in 2019 und dem genannten Divisor, sowie aktueller Umfragewerte (INSA-Studie vom 29.02.2024) stellen wir für alle Parteien eine Prognose auf, mit wie vielen Sitzen jede Partei im EU-Parlament rechnen kann und wer dann diese Plätze einnimmt. Die großen Abweichungen der letzten Jahre zwischen Umfragen und Wahlergebnis machen eindeutig, dass dieser Unsicherheitsfaktor stark zu beachten ist.

Außerdem haben wir auch aktuelle – teilweise nicht EU-Wahl-spezifische Umfragen der Bundesländer verwendet, um die Sitzverteilung der CDU/CSU-Mandate zu berechnen, denn hier bedarf es – wie oben erwähnt – eines anderen Vorgehens, da die CDU/CSU mit Landeslisten ins Rennen geht.

Mittels der oben beschriebenen Methode lässt sich das folgende Ergebnis errechnen:

Divisor 2019: 374.000

Partei Prozent Stimmen Sitze mit Divisor von 2019
CDU/CSU 30,1% 11.256.464 30
AFD 17,8% 6.656.646 18
Grüne 14,3% 5.347.755 14
SPD 13,2% 4.936.389 13
BSW 6,9% 2.580.385 7
Freie Wähler 3,5% 1.308.891 3
FDP 3% 1.121.907 3
Linke 2,8% 1.047.113 3
Tierschutzpartei 2,5% 924.922 2
Die Partei 1,5% 560.953 1
Sonstige 4,4% 1.645.463 2

Rechenweg erläutert anhand der SPD und FDP

Laut einer INSA-Studie vom 29.02.2024 steht die SPD zurzeit bei 13,2 % der Stimmen. 13,2 % von 37.396.889 abgegebenen Stimmen in 2019 sind 4.936.389 voraussichtliche Stimmen für die SPD. Wenn wir dies nun durch den zuvor herangezogenen Divisor 374.000 teilen, ergibt dies 13,2 Sitze, was abgerundet 13 Sitze für die SPD bedeutet.

Die FDP erhält nach aktuellen Umfragen vorrausichtlich 3% der Stimmen. Unter Annahme der Wahlbeteiligung von 2019 ergeben dies 1.121.907 Stimmen. Teilt man dies durch den herangezogenen Divisor von 374.000 bedeutet dies 2,99 Sitze für die Liberalen. Da nach Überschreitung der X,5 Grenze aufgerundet wird, ergibt die Rechnung 3 Sitze für die FDP.

Unsicherheitsfaktor No3 – Rechenweg für die CDU/CSU: Ein Sonderfall

Für die CDU/CSU kann der oben aufgeführte Rechenweg nicht verwendet werden. Hierfür müssen die Landeslisten hinzugezogen werden, sowie aktuelle Umfragewerte der Bundesländer.

Um daher beispielsweise auszurechnen wie viele Stimmen die CSU voraussichtlich bei der EU-Wahl 2024 erreicht, muss die Rechnung neu gedacht werden und daher zunächst ein neuer Divisor berechnet werden. Die CDU/CSU bekommt voraussichtlich 11.256.464 Stimmen bei der Wahl und damit 30 Mandate. Das bedeutet, dass in der Theorie jede Landes-CDU/CSU, die bei der Wahl mindestens 432.941 Stimmen erreicht, einen zu vergebenen Sitz erhält. Die individuelle Berechnung der Landeslisten ergäbe jedoch 40 Mandate für die CDU/CSU weshalb der Divisor so lange angepasst wurde, bis 30 Mandate auf die 16 Landeslisten aufgeteilt wurden. Dafür wurde der Divisor 500.000 ermittelt. Bei der letzten nationalen Wahl haben in Bayern 7.608.980 Menschen eine gültige Stimme abgegeben. Da die CSU zurzeit bei 42% in Bayern liegt, ergibt dies voraussichtlich 3.195.772 Stimmen für die CSU. Teilt man dies durch den zuvor berechneten CDU/CSU-Divisor ergibt dies 6,39 Mandate für die CSU und damit folglich abgerundet 6 Sitze im EU-Parlament.

Unsicherheitsfaktor No4 – Kleinstparteien

In Deutschland gibt es bei der Europawahl 2024 nach wie vor keine Sperrklausel. Daher können bereits Parteien mit weniger als 1 Prozent der Stimmen einen Sitz im Europäischen Parlament gewinnen. Kleinstparteien wie Die Partei, Volt oder die Tierschutzpartei profitieren davon. Bei der Wahl 2019 erhielten Freie Wähler und Die Partei jeweils zwei Sitze, Piratenpartei, Tierschutzpartei, Familienpartei, ÖDP und Volt jeweils einen Sitz.

Für unsere Wahlprognose bedeutet dies einen zusätzlichen Unsicherheitsfaktor – denn deutsche Umfrageinstitute weisen für Kleinstparteien in der Regel keine Werte aus, in der Projektion wird jeweils das Ergebnis der letzten Europawahl herangezogen. Sollte eine Kleinstpartei in aktuellen Umfragen einen besseren Wert erreicht haben als bei der letzten Europawahl, wird stattdessen dieser Umfragewert genutzt.

Zudem erhöht die Etablierung neuer Parteien den Unsicherheitsfaktor um ein Weiteres. Die erhöhte Anzahl an möglichen Einzelmandaten lässt sich nur schwer in Wahlumfragen widerspiegeln.

In jedem Falle ist davon auszugehen, dass der Kampf um Einzelmandate auch in diesem Jahr hitzig wird und die „großen“ Parteien einige Stimmen kosten wird.

Die “Lucky 96”

Nun kommen wir zu dem entscheidenden und wirklich spannenden Teil unserer Ausarbeitung: Die konkrete Nennung jener Kandidat:innen, die – gemäß unserer Berechnungen – von einem Einzug ins Europäische Parlament ausgehen können.

Hierfür haben wir uns jeweils die Listenplätze der Parteien angeschaut (eine Übersicht über die Kandidat:innen der Deutschen Parteien findet ihr auf unserer #THEÜBERSICHT) und diese untenstehend aufgeführt.

Wenn ihr wissen wollt, wie eine detaillierte wissenschaftliche Prognose aussieht, dann lohnt es sich in die Studie von Prof. Simon Hix, EUI, einzutauchen, der gemeinsam mit Kevin Cunningham einen „scharfen Rechtsruck“ für die Europawahl 2024 prognostiziert.

Partei Titel Name Vorname
CSU Weber Manfred
CSU Prof. Dr. Niebler Angelika
CSU Doleschal Christian
CSU Hohlmeier Monika
CSU Ferber Markus
CSU Köhler Stefan
CDU Prof. Dr. WECHSLER ANDREA
CDU Caspary Daniel
CDU Dr. Schwab Andreas
CDU Lins Norbert Lins
CDU Bentele Hildegard
CDU Simon Sven
CDU Gahler Michael
CDU McAllister David
CDU Düpont Lena
CDU Dr. Jieseke Jens
CDU Dr. Liese Peter
CDU Verheyen Sabine
CDU Radtke Dennis
CDU Mertens Verena
CDU Voss Axel
CDU Dr. Berger Stefan
CDU Viehmann Miriam
CDU Schneider Christina
CDU Seekatz Ralf
CDU Schenk Oliver
CDU Reichel-Tomczak Agata
CDU Mehnert Alexandra
CDU Herbst Niclas
CDU Voigt Mario
AFD Dr Krah Maximilian
AFD Bystron Petr
AFD Aust René
AFD Anderson Christine
AFD Jungbluth Alexander
AFD Dr. Jongen Marc
AFD Buchheit Markus
AFD Prof. Dr. Neuhoff Hans
AFD Boßdorf Irmhild
AFD Bausemer Arno
AFD Droese Siegbert
AFD Froelich Tomasz
AFD Arndt Anja
AFD Khan-Hohloch Mary
AFD Dr. Sell Alexander
AFD Schnurrbusch Volker
AFD Kestner Jens
AFD Dr. Beck Gunnar
Grüne Reintke Terry
Grüne Lagodinsky Sergey
Grüne Cavazzini Anna
Grüne Bloss Michael
Grüne Neumann Hannah
Grüne Häusling Martin
Grüne Langensiepen Katrin
Grüne Marquardt Erik
Grüne Paulus Jutta
Grüne Freund Daniel
Grüne Geese Alexandra
Grüne Andresen Rasmus
Grüne Peters Anna
Grüne Nienaß Niklas
SPD Barley Katarina
SPD Geier Jens
SPD Noichl Maria
SPD Lange Bernd
SPD Sippel Birgit
SPD Repasi René
SPD Bischoff Gaby
SPD Bullmann Udo
SPD Burkhardt Delara
SPD Ecke Matthias
SPD Repp Sabrina
SPD Wölken Tiemo
SPD Costanzo Vivien
BSW De Masi Fabio
BSW Geisel Thomas
BSW von der Schulenburg Michael
BSW Firmenich Ruth
BSW Prof. Dr. Warnke Jan-Peter
BSW Dr. Pürner Friedrich
BSW Kocalar Erkan
Freie Wähler Singer Christine
Freie Wähler Eruglu Engin
Freie Wähler Dr. Streit Joachim
FDP Dr. Strack-Zimmermann Marie-Agnes
FDP Hahn Svenja
FDP Glück Andreas
Linke Schirdewan Martin
Linke Rackete Carola
Linke Demirel Özlem Alev
Tierschutzpartei Everding Sebastian
Tierschutzpartei Spiegeler Castañeda Aída
Die Partei Berg Sybille

Wirklich spannend, oder? Solltet ihr Euch an eine ähnliche oder abweichende Rechnung rangewagt haben, schreibt uns doch gerne eine Nachricht!